[Juliette 1/2017] – Die Zukunft des selbstbestimmten Lebens: Datenschutz für Freigeister

von Moritz Klammler

Wer frei und selbstbestimmt lebt, kann Entscheidungen für sein Leben selbst auf Grundlage eigener Abwägungen treffen.  Das können Entscheidungen sein, deren Konsequenzen uns Jahrzehntelang betreffen werden, wie die Partner- oder Berufswahl, oder auch vermeintlich kleine Fragen des Alltags.  Gerade letztere sind jedoch für die empfundene Lebensqualität von hohem Wert.  Wir wollen eben selbst entscheiden können, welches Buch wir lesen, mit wem wir uns zum Kaffee verabreden, und wie viel Zucker wir zu selbigem nehmen wollen.
Derlei Entscheidungen können wir jedoch nur dann wirklich frei treffen, wenn wir uns ungestört alle Informationen beschaffen können, auf deren Grundlage wir unsere Entscheidung treffen wollen, und nicht befürchten müssen, unser beobachtetes Verhalten könnte später gegen uns verwendet werden.  Natürlich müssen wir immer selbst mit den Folgen unserer Entscheidung leben.  Etwa, mit dem eklig süßen Geschmack im Mund, falls wir so tollkühn gewesen sein sollten, Zucker zum Kaffee zu nehmen.  Freiheit und Verantwortung gehen bekanntlich Hand in Hand.  Unfrei werden wir aber an dem Punkt, wo wir nicht mehr anhand unserer eigenen Bewertung der Umstände entscheiden, sondern anhand dessen, was wir glauben, wie andere unsere Entscheidung bewerten werden.  Etwa, indem wir nicht mehr für uns selbst entscheiden, dass wir einen Caffè-Corretto wollen, sondern stattdessen zu einem Glas Orangensaft greifen, um in der Statistik unserer Krankenkasse nicht als jemand dazustehen, der keinen Wert auf eine gesunde Lebensweise legt.
Das Tragische dabei ist, dass es noch nicht einmal darauf ankommt, ob unsere Krankenkasse tatsächlich ihre Beitragssätze anhand unseres Kaffeekonsums berechnet.  Solange wir befürchten, dass sie es tun könnte, wird diese Angst unser Verhalten beeinflussen.  In keinem westlichen Land wird das Lesen von Wikipedia sanktioniert.  Dennoch stellte Penney (2016) nach den Snowden-Veröffentlichungen im Sommer 2013 einen signifikanten Rückgang der Anfragen für Wikipedia-Artikel fest, die gemeinhin mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden [1].  Und das in einer Zeit, in der Bürger, die zum Thema Terrorismus objektiv informiert sind, wichtiger denn je wären.
Je überwachter wir uns fühlen, und je unberechenbarer die Überwacher sind, desto unfreier werden wir.  Dabei sollten wir uns von der Vorstellung lösen, dass es einen großen Unterschied mache, ob wir von staatlichen oder privaten Stellen überwacht werden.  Je nach politischer Einstellung mag man sich eher an fehlender parlamentarischer Kontrolle oder aber im Gegenteil an zu großem staatlichem Einfluss stören.  Am Ende führt diese Debatte aber an der Sache vorbei.  Denn Freiheit bedeutet nicht, Diener eines wohlgesonnenen Herren zu sein, sondern sein Leben selbst in der Hand zu halten.

[1] Jon Penney, „Chilling Effects: Online Surveillance and Wikipedia Use“.
Berkeley Technology Law Journal, 2016, Vol. 31,
Nr. 1, S. 117,  https://ssrn.com/abtract=2769645.

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